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Samstag, 12. Oktober 2013

Über das Schmieden von Welten V: Antagonisten

Viele Geschichten kommen nicht ohne Gegenspieler aus. Für Fantasy gilt das nochmal doppelt, schließlich sind viele Erzählungen in diesem Genre klassische Abenteuer, in den Protagonisten Widerstand und Hindernisse überwinden müssen, um für sich selbst einen Platz in der Welt zu finden oder gleich das ganze Erdenrund vor dem Untergang zu retten. Zwar kann der geneigte Schreiberling durchaus mit einem unsichtbaren oder den Charakteren unbekannten Antagonisten arbeiten, das ist jedoch eine Herausforderungen, wenn es um die Erzeugung von Spannung geht. Meistens fällt dann anderen, kleineren Widersachern die Aufgabe zu, anstelle des Großen Bösentm für Spannung zu sorgen. Ohne Antagonisten, außer vielleicht in persönlicheren Kurzgeschichten, tut sich das Genre schwer.

Robert Jordans Dark One als Negativbeispiel - Copyright Red Eagle

Aber - und hier wanke und weiche ich nicht von vorherigen Äußerungen zu dem Thema - Gegenspieler heißt keinesfalls automatisch Dunkler Lord. Deshalb habe ich mich auch bewusst für den Begriff Antagonist entschieden, anstelle vom Bösen o.ä. zu sprechen. Der Dunkle Lord existiert in der Logik der Geschichte, um einen Katalysator für die Geschichte darzustellen, um Elemente in Gang zu setzen, die das eigentliche Abenteuer erst beginnen lassen. Seine Ziele sind einfach gestrickt und selbst die komplexeren unter ihnen wollen die Welt entweder zerstören oder erobern. Anstelle einer Persönlichkeit besitzen sie Betriebsanweisungen, denn sie existieren im Kern erst einmal zweckgebunden.
Das heißt nicht, dass Geschichten mit Dunklen Lords keine Antagonisten beinhalten können. Wie bereits gesagt verfügen die meisten Geschichten dieser Art über eine Art Ersatz-Antagonisten, der - zumindets von der Idee her - die Mängel des Dunklen Lords wettmachen soll. Hierbei kann es sich um die rechte Hand des Lords handeln, um Generäle, Fürsten oder auch Banditen, die sich dem Protagonisten in den Weg stellen.
Allerdings sind sie nicht automatisch das, was ich als Antagonist durchgehen lassen würde. Viele von ihnen sind in Sachen Motivation ähnlich mickrig ausgestattet, wie ihr finsterer Arbeitgeber. Warum dient Lord Fiesewicht dem Dunklen Lord? Weil er böse ist. Ganz selten auch auf Rache aus. Und die Soldaten? Auch.
Die "Motivation" - und ich verwende den Begriff hier mit Vorsicht - des Dunklen Lords wird auf seine Untergebene übertragen. Orks kämpfen für Mordor 2.0, weil sie böse sind. Banditen auch. Und hohe Adelige sowieso.
Damit sind auch diese Ersatz-Antagonisten keine Antagonisten im Sinne der Anklage.

Was aber macht - für mich - einen guten Antagonisten aus?
Die Antwort ist komplex. Ein guter Antagonist sollte das ebenfalls sein. In erster Linie ist er ein Charakter wie alle anderen, der - anstatt über seine Rolle im Aufbau der Geschichte definiert zu sein - eigene Antriebe besitzt und diesen folgt. Er besitzt eine Hintergrundgeschichte, die ihn und seine Handlungen erklären kann und nicht zwingend mit der des Protagonisten verwoben ist. Inzwischen würde ich soweit gehen und sagen, dass ein Antagonist, der einen persönlichen Groll gegen den Protagonisten hegt, sich mit Volldampf auf das Klischee-Territorium zubewegt, das der Dunkle Lord schon lange für sich beansprucht.
Ein weiteres wichtiges Element, das helfen kann einem Antagonisten Tiefe zu verleihen ist, ihn gar nicht erst als Antagonisten zu begreifen. Wieder einmal ist hier George R.R. Martin zu nennen, der dieses kleine, große Kunststück hervorragend beherrscht. Während im Lied von Eis und Feuer die Sympathien der Leser zum Großteil wohl aufseiten der Starks liegen, andere Charaktere weniger beliebt oder regelrecht verhasst sind, verfügen die meisten über eigenen Motivationen, Antriebe und Absichten. Die Ausnahmen sind vermutlich an einer Hand abzuzählen. Schließlich haben die Lannisters im Grunde ebenso eine Motivation für ihre Handlungen, wie die Starks. Charaktere beider Fraktionen sind ihren Häusern treu ergeben und sehen durch die jeweils anderen genau das in Gefahr gebracht, was für sie von hohem Wert ist. Das schafft interessantere Konflikte als die Zuteilung von Attributen wie Gut oder Böse, denn die Linie zwischen den beiden Extremen verwischt so, verbreitert sich oder verschwindet ganz in einer grauen Zone der Ungewissheit. Idealerweise muss sich der Leser nie fragen, wieso zum Teufel die Soldaten des Oberfiesewichts nicht einfach desertieren, wenn er so ein mieser Hund ist, denn die Antworten finden sich im Text selbst.

Das Paradebeispiel - Copyright HBO

Die Handlung wird dadurch ohne Zweifel komplexer als mit einem Hell-Dunkel-Schema. Das wird die Arbeit des Autoren schwieriger machen, aber auch interessanter und der Leser wird es ihm danken.
Denn Geschichten mit doppeldeutigen Charakteren und unklaren Rollenverteilungen laden zum diskutieren ein, sie halten ein Werk im Geiste des Publikums lebendig, weil es mehr zu sein scheint, als die Worte auf dem Papier. Ein Antagonist, der aus der Perspektive des Protagonisten ein eiskalter Bastard ist, kann aus seinem eigenen Blickwinkel eine komplexe Persönlichkeit mit klaren Zielen sein. Er darf Zweifel haben und auch Fehler machen, aber ebenso eigene Ideen entwickeln, die den nominalen Helden der Geschichte das Leben schwer machen. Die Dynamik einer solchen Geschichte wird dadurch ansteigen, obgleich sie auch schwerer zu bändigen sein wird. Es ist eine Herausforderung an den Autoren und vielleicht der Grund, warum eindimensionale Weltenverschlinger im Genre Fantasy noch immer in großem Stil vertreten sind.


Die Faustregel sollte lauten: Jeder Antagonist sollte behandelt werden, wie der Hauptcharakter in seiner eigenen Geschichte.
So ist es im echten Leben ja auch. Obwohl wir alle gerne glauben, Dreh- und Angelpunkt eines großen Epos zu sein, sind wir in dieser Vorstellung nicht alleine. Jeder Mensch, mit dem wir in Kontakt treten, erliegt selbst dieser Idee. Hier könnte sich die Fantasy einen Dienst erweisen, indem sie bewusster an der Realität bedient.


Freitag, 21. Juni 2013

Über das Schmieden von Welten III - Charaktermotivation

In meiner Liste der Fantasyklischees habe ich meine Meinung ja bereits anklingen lassen, heute möchte ich mich näher damit auseinandersetzen, welche Rolle die Motivation einzelner Charaktere für eine Fantasygeschichte spielen sollte.

An der Magierschule wird Timmy stets von einer Gruppe größerer Jungs gemobbt, dabei sagt sein Lieblingslehrer ihm, er sei der Auserwählte.
Warum lässt man ihn dann nicht in Ruhe?

Nach einer langen und entbehrungsreichen Reise durch Sümpfe und Urwälder erreicht die kleine Heldengruppe endlich das Ziel ihrer Reise. Timmy, Champion der Götter des Lichts, ist dankbar für die Treue seiner Gefährten, die ihm murrend, aber stets ergeben bis hierher gefolgt sind.
Aber warum nehmen sie all die Mühen überhaupt auf sich, wo der Großteil der Bevölkerung gar nicht an die dunkle Bedrohung aus dem Osten (und es ist immer der Osten!) glaubt?

Auf seinem Thron aus den Knochen seiner erschlagenen Feinde sitzt der Dunkle Lord. Rot glühen seine Augen, während er die Karte vor sich studiert. Bald, bald wird das ganze Land unter den eisernen Stiefeln seiner Schergen erzittern und wenn Prinz Timmy erst tot ist, dann wird er endlich tun können, wonach sich sein Herz so lang schon verzehrt: Er wird das Ende der Welt herbeiführen!
Warum? Das fragt sich niemand, auch nicht seine Schergen, denn täten sie es, hätten sie vermutlich längst schon ihre Loyalität zu ihm überdacht.

In dieser Hinsicht ist Fantasy beinahe ein wenig benachteiligt. Andere Genres können über viele Seiten mit wenig (externer) Handlung vorankommen und stattdessen Spannung aus der Interaktion von einer Gruppe junger Studenten, Ex-Mitgliedern der RAF oder einem Ehepaar am Rande der Scheidung ziehen. Fantasy hingegen wird vorangetrieben von und ist fokussiert auf die Handlung, die im Zentrum der Geschichte steht und der sich die meisten anderen Elemente unterzuordnen haben.
Das ist auch gut so. Ein Buch sollte in erster Linie unterhalten und erst bei genauerer Betrachtung tiefere Ebenen für diejenigen offenbaren, die danach Ausschau halten, die Botschaft, so es sie denn gibt, sollte niemals der einzige Grund für die Existenz dieses oder jenes Fantasybuches sein. Ebenso wenig sollten übermäßige Beschreibungen, grundloses Herummeandern in der Welt oder ausgedehnte Geschichtsstunden ohne Handlungsrelevanz gegenüber dem Plot den Vorrang haben, so oft dies auch passiert. Der Plot - kurz gesagt - ist König.
Mit einer Ausnahme: Kein Charakter sollte etwas tun oder nicht tun - gerade wenn es seiner Natur widerspricht - nur weil der Autor den Plot in eine bestimmte Richtung führen will.

Wenn ich schreibe, versuche ich mich daran zu halten, so gut es geht. Für mich ergeben sich die interessanteren Entwicklungen stets aus dem Zusammenspiel von Charakteren, die ihre eigenen Ziele verfolgen, Meinungen haben, Absichten hegen. Deshalb habe ich auch stets Probleme damit, mithilfe einer Outline zu schreiben. Im Schreibprozess kann es - und wird es in der Regel auch - passieren, dass von einer anfänglichen Idee, wohin die Handlung geht oder wie sie verläuft, am Ende nur noch die gröbsten Elemente übrig sind. Dafür entstehen ganze Handlungsstränge aus der gegensätzlichen Motivation verschiedener Charaktere, die miteinander in Konflikt geraten.
Das hat auch für den Autoren den Vorteil, dass die Handlung für ihn ebenfalls spannend bleibt und kann so zur Motivation enorm beitragen.
Bitte: das soll nicht heißen, dass es schlecht ist, mit einer Outline zu schreiben. Für mich funktioniert es (bei langen Geschichten) allerdings nie wirklich.

Doch weg von Schreibtipps und zurück zur Frage nach der Motivation von Charakteren.
Die wird leider oftmals eher stiefmütterlich behandelt. Warum hassen die anderen Kinder Timmy? Weil er der Auserwählte ist - was sie gar nicht wissen können - und mobbende Kinder eben zu Geschichten in einer Schulumgebung dazugehören. Das, oder die Obermobber sind einfach von Natur aus schlecht.
Ausnahmsweise greift hier mal nicht die Tolkien-Argumentation. Dafür wird auf Harry Potter verwiesen, wo die Ausgangslage ähnlich war und vergessen, dass Draco und Co. schlüssige Motivationen hatten, Harry nicht zu mögen: Sie stammen aus Haushalten, die nicht nur eine Verbindung zu Lord Voldemort hatten, sondern auch reinblütig waren und Muggelmischlinge verachteten. Als Harry sich dann auf die Seite von Ron und Hermine schlägt, überträgt sich diese Abneigung auch auf ihn.

Und Timmys fröhliche Band ethnisch diversifizierter Begleiter? Wenn niemand an die Bedrohung glaubt, warum sollten sich dann Zwerge und Elfen zusammentun, die sich auch an guten Tagen nicht riechen können?
Tolkiens Gefährten des Rings folgten Frodo nicht alleine, weil es die Handlung verlangte, sondern weil keine der Parteien - Zwerge, Elfen und die Menschen Gondors - es riskieren wollte, kein Auge auf eine Massenvernichtungswaffe wie den Einen Ring zu haben.

Zum Dunklen Lord will ich an dieser Stelle gar nicht viel sagen, außer dies: "Er ist wahnsinnig/von Natur aus Böse" ist keine Motivation, ebenso wenig, wie der Wunsch, die Welt zu zerstören oder zu erobern als kreatives Ziel für finstere Herrscher zählt.

Im vorangegangenen Abschnitt wird deutlich, dass die Frage nach der Motivation einzelner Charaktere eng mit den Klischees verwoben ist, die dem Genre Fantasy als ganzes immer vorgeworfen werden.
Oftmals täte es einer Geschichte gut, nicht die große Queste oder jene fixe Idee vom finalen Kampf zwischen Gut und Böse als Ausgangspunkt zu nehmen, sondern eine Auswahl von Charakteren in verschiedenen Positionen und Lebenslagen aufeinandertreffen zu lassen und sie, gemäß der Dinge, die für sie wichtig sind, handeln zu lassen.
Die Vorteile sind vielseitig. Anstatt in die Outline für Kapitel 47 mit Rotstift "Konflikt zwischen Timmy und dem heimlichen Verräter" zu schreiben, ergeben sich solche Handlungselemente aus dem Zusammenspiel der Charaktere. Anstatt jemandem zum Verräter zu machen, weil er als falscher Fuffziger aus Muttis Schoß geflutscht ist, präsentiert man sein (sozialen) Umstände (er hat Familie und der Dunkle Lord zahlt besser; sein entfremdeter Sohn befindet sich in der Stadt, die Timmys Goldenen Reiter dem Erdboden gleichmachen wollen, weil sie sich nicht dem Guten Zweck anschließen will; ...) als Auslöser für seinen Verrat.
Ich kann nur noch einmal auf Brandin verweisen, den Antagonisten aus Kays Tigana, der der namensgebenden Provinz einen fürchterlichen Fluch auferlegt, nicht, weil das zum täglich Brot dunkler Magier gehört, sondern aus Rache für und Trauer um den Tod seines Sohnes. Seine Motivationen sind stets schlüssig und - was fast noch wichtiger ist - sie sind nicht in Stein gemeißelt. Im Laufe der Handlung verändern sie sich und führen zu tragischeren Ereignissen als fünf Dunkle Lords, die hundert Städte voller Waisenkinder niederbrennen.

Auch die Frage nach Charaktermotivation und das Drängen, sie zur Achse der Ereignisse einer Geschichte zu machen, wurzelt in meiner dringlichen Bitte, Fantasy von Weltenretterprosa und Heldenreise-Epen aus tolkienesker Gussform weg und zu persönlicheren, menschlicheren Geschichten hin zu führen.
Ihr wollt Kriege? Ihr wollt dunkle Magie? Bitte. Aber macht sie nicht zum Selbstzweck. Spannung erwächst, wenn komplexe Charaktere auf komplexe Weise in Interaktion treten, nicht wenn der Dämonenfürst der Saison ins immergrüne Feenland einfällt. Geschichten auf Basis von Charaktermotivation erschweren Schwarz-Weiß-Denken und führen zu den (tragischen) Verflechtungen, die Das Lied von Eis und Feuer und neuzig Prozent dessen, was Guy Gavriel Kay schreibt, so interessant machen.

Donnerstag, 25. April 2013

Über das Schmieden von Welten II - Charakternamen

Beim letzten Mal war die Namensgebung von Orten das Thema. Wir haben uns nach Willovwale begeben, nach Immerwacht und in das Tal der Letzten Ernte und ich habe versucht zu beantworten, warum Namen gleich nochmal so verdammt wichtig sind. Im zweiten und vorerst letzten Teil von Über das Schmieden von Welten will ich einen genaueren Blick auf die Namensgebung von Charakteren werfen und warum sie nicht nur wichtig, sondern auch ein großartiges Mittel ist, der eigenen Welt Tiefe zu verleihen, ohne den Lesern seitenlange Infodumps zuzumuten.
Es beginnt mit einer Idee, vielleicht sogar mit einer ganzen Szene:
Ein Bauer sieht von der Feldarbeit auf, als er im Licht der untergehenden Sonne einen einsamen Wanderer erspäht. Seine erste Reaktion ist Furcht – das Land ist gefährlich, die Leute erzählen von Banditen, auch diesseits der Berge. Doch als der Mann näher kommt, sieht der Bauer, dass er zu gut gekleidet ist für einen Banditen. Eine lange Robe umhüllt seine Gestalt, die Stiefel sind fest und jedes Kleidungsstück ist mit Zeichen verziert, die der Bauer nicht lesen kann. Nicht, dass er sie lesen könnte, wenn sie in der Hohen Sprache geschrieben wären.
Als der Mann ihn schließlich erreicht, überwältigt Neugier seine Furcht und der Bauer sieht auf, fragt: „Wer seid Ihr, Herr? Wie lautet Euer Name?“
Der Wanderer lächelt. Seine Zähne sind weiß. „Du hast sicher von mir gehört“, antwortet er. „Mein Name ist …“
Und dann tut sich der Abgrund auf, nicht unter Bauer und Wanderer, sondern unter den Füßen des Autoren. Wie lautet der Name des mysteriösen Wanderers? 
Es sieht immerhin stark danach aus, dass er eine wichtige Rolle spielen wird, vielleicht ist er einer der Hauptcharaktere, gar der Hauptcharakter. Da will ein Name wohlüberlegt sein, schließlich dürfen Leser und Autor seiner 300 bis 700 Seiten lang nicht überdrüssig werden. Aber das ist nicht das einzige Problem, denn für Charakternamen gilt, was auch für die Namensgebung von Orten gilt (Na ja, „gelten sollte“): Sie müssen zu anderen Namen in ihrer Nähe passen, es sei denn, sie sind Teil einer anderen Kultur. Aber auch dann sollte der Autor stets im Hinterkopf behalten, dass irgendwo da draußen noch andere Menschen mit dem selben kulturellen Hintergrund herumlaufen, die besser nicht John, Natascha und Sun Wen heißen sollten, es sei denn man plant, eine Satire über Namensgebungskonventionen in Fantasy-Büchern zu schreiben.
Wenn ich schreibe, bevorzuge ich es, im Internet nach Auflistungen von Namen zu suchen, die aus einer Kultur stammen, wie ich sie mir in etwa für den Schauplatz der jeweiligen Geschichte vorstelle. Das können germanisch-stämmige, irische und gälische Namen sein, aber genau so gut indische oder arabische. Habe ich einen gefunden, der mir zusagt, verändere ich ihn in der Regel ein wenig, schließlich ist die Fantasy-Kultur nicht deckungsgleich mit der aus der echten Welt. Außerdem achte ich darauf, dass die Namen nicht Teil einer Namensgebungstradition sind, die von einer historischen Figur ausgeht, wenn diese Figur nicht auch in der Welt der Geschichte existiert. Abraten würde ich in jedem Fall von Namengeneratoren, wie man sie ohne großen Suchaufwand dutzendfach im Internet findet. Abseits von speziellen Generierungsoptionen, wie sie beispielsweise der Fantasy Name Generator von rinkworks.com bietet, und damit die Einschränkung auf spezielle Kulturräume ermöglicht, führt Zufallsgeneration nicht gerade zu einheitlicher Namensgebung.

Einheitliche Namensgebung sieht anders aus

Abgesehen davon: Namen sind schwierig, aber wenn man auf Generatoren angewiesen ist, stellt sich doch die Frage, wie weit es mit der Phantasie her ist.
Ein Nachtrag noch, zu der oben genannten Methode: Wenn man Echtwelt-Namen nutzt und/oder verändert, sollte man natürlich auch ein Auge auf die Bedeutung des Vorlagenamens haben. Das gilt besonders, wenn man sich sicher ist, den Namen schonmal gehört zu haben, oder es nur der Klang ist, der einem gefällt. Irgendwer hat einmal im Scherz angemerkt, dass irgendwo, in irgendeinem Fantasybuch eine Prinzessin Chlamydia auf ihren Ritter auf dem weißen Ross wartet. Solche unvorteilhaften Namen lassen sich gerade heute leicht vermeiden: vor der Verwendung einfach mal bei Google eingeben.

Gerade Fantasy leidet aber unter einer weiteren Namensgebungstradition: Jeder, der schonmal einem Elfen namens Alurifandiliesornel oder dem Drachen Su'ge'rakk'ag'han begegnet ist, darf jetzt die Hand heben.
Ja, Fantasy darf die Grenzen des Gewöhnlichen sprengen, soll das sogar tun. Aber ein Autor sollte auch an seine Leser denken, ebenso wie an die Arbeit, die er hat, oder die Unterbrechungen im Schreibfluss, die immer dann auftauchen, wenn er siebzehn Seiten zurück blättern oder sein Notizbuch hervorkramen muss um nachzusehen, wie dieser verfluchte schwarze Drache doch gleich noch hieß. Ich gehe aber jede Wette ein, dass mehr Leser bereit sind, ein Buch zu lesen, dessen Charaktere fremdartige, aber lesbare Namen besitzen. Besonders, wenn es sich nicht nur um eine Handvoll Charaktere handelt, sondern sämtliche Namen in einem Buch nicht unter sechs Silben bleiben. Und dann ist da noch die Sache mit den Apostrophen: Wie zur Hölle spricht man sie aus? Leser und Autor mögen sie vielleicht nur lesen, aber irgendwer in der dargestellten Welt muss sie auch mal aussprechen. Überhaupt, welche Bedeutung haben die Apostrophe? Auslassungen?  Su'ge'rakk'ag'han schütze uns!
Damit zusammenhängend möchte ich auch noch kurz auf Spitznamen eingehen. Gerade bei langen Namen bieten sie sich an - auch wenn ich vorschlagen würde, einen Namen eher direkt zu kürzen, anstatt ihn durch Spitznamen zu entschärfen - aber auch hier sollte der Autor Vorsicht walten lassen. Zu schnell wird aus einem Spitznamen der sprichwörtliche rostige Nagel an dem das Auge hängen bleibt, weil er endgültig aus der Kultur der dargestellten Welt herausfällt. Oder er wirkt einfach albern.

Cromsindwuir, Schlächter der Blutebenen, Sohn des Roten Königs - seine Freunde nennen ihn Cindy - Quelle: Blizzard Entertainment

Was absolut vermieden werden sollte, sind Namen, die allzu deutlich Abwandlungen des Namens (oder Nicknames) des Autoren / der Autorin sind. In veröffentlichten Büchern begegnet man dem eher selten, aber gerade in der Amateurfantasy postet schonmal Anna eine Geschichte über Aenea, Königin der Welt. Egal wie die Qualität der Geschichte sich letztlich erweisen sollte, riecht damit oftmals schon die Überschrift verdächtig nach Mary Sue. Die Autorin / der Autor wird es in diesem Fall schwer haben, Leser davon zu überzeugen, dass sie / er und der Protagonist zwei völlig unterschiedliche Individuen sind.

Zuletzt sollten Namen auch immer zur Atmosphäre der Geschichte passen oder ihr zumindest nicht völlig zuwider laufen. Freddy macht sich in einer lovecraftschen Horror-Fantasy ebenso schlecht wie Fritz, Knochenkönig der Gefallenen Länder, oder Bluttrinker, der quirlige Barde.

Namen, lautet auch heute wieder das Fazit, können Geschichte(n) schreiben - oder sie im ersten Satz, im ersten Kapitel, nach drei Seiten, versenken. Hinzu kommt, dass Namen soviel mehr sein können als bloße Klebezettel, die uns Protagonist X von Charakter Y unterscheiden lassen können. Auch Personennamen ermöglichen eine Vertiefung der Handlungswelt, indem sie uns Ausblicke auf Kultur und Geschichte ermöglichen. Warum heißen so viele Männer in Immerwacht Baradan oder Baerdan? Na, weil der König, der bis zuletzt Widerstand gegen die Heere des Reiches von Drachenstein leistete, Baerardan hieß. Die kleinen Veränderungen sind hingegen Anzeichen, dass seitdem viel Zeit vergangen ist. Was sagt es uns, wenn die Frauen einer Generation Guinne oder Vhinne heißen, ihre Enkelinnen aber Kelia oder Maridia? Hat hier etwa eine neue Kultur dem Denken der Menschen ihren Stempel aufgedrückt? Eine neue Religion möglicherweise, in der Kelia die Tochter des Gottes war, der die Welt geschaffen haben soll, und Maridia eine Märtyrerin? Und was sagt es über einen Charakter aus, der in einer neuen Umgebung plötzlich nicht mehr bei seinem Geburtsnamen Varaidon gerufen wird, sondern Vardan, weil die Menschen in seiner neuen Heimat Probleme mit der Aussprache eines fremden Namens haben?

Auch auf die Gefahr hin, wie der George-R.R.-Martin-Fanclub zu klingen: auch was Namen angeht, versteht er sein Handwerk. Oft ist nachvollziehbar, wer mit wem verwandt ist, alleine auf Basis der Vornamen, oder ob ein Charakter aus Westeros stammt oder von jenseits des Meeres.
Auch Guy Gavriel Kay achtet auf Einheitlichkeit in der Namensgebung, hat aber natürlich auch den Vorteil, dass er echte Namen verwenden kann. In seinem Erstlingswerk - der Fionovar-Trilogie - wirkt das alles allerdings noch nicht so rund, was auch am, von der Echtwelt völlig entrückten Setting liegen kann, das stark tolkienesk angehaucht ist.
Mein Favorit ist aber sicherlich Glen Cooks Black Company-Saga. In der multikulturellen Einheit der Söldnertruppe passen die Namen stets zur Herkunft der Charaktere, was besonders in den späteren Büchern interessant zu sehen ist, die in einem pseudo-indischen Dschungelsetting spielen. Die meisten von Cooks Charakteren tragen jedoch Spitznamen und hier überzeugt Cook wirklich, was Namensgebung betrifft: in der Regel gibt sich kein Mitglied der Söldnerkompanie seinen Spitznamen selbst, was sich in Namen wie "Croaker" (Der Doktor, aber auch: Der Miesmacher), Big Bucket oder Sleepy niederschlägt. Andere Charaktere sind schon deshalb ehrfurchtgebietend, weil sie aus diesem Schema rausfallen. Raven möchte man nicht im Dunkeln begegnen, Silent trägt seinen Spitznamen zu recht und Lady .... nun, Lady ist ein Fall für sich.

Glen Cook - Chronicles of the Black Company - Copyright TOR Books
 (Generell möchte ich die Black Company hier jedem ans Herz legen, der ambivalente Charaktere, dunkle Magie und schwarzen Humor mag.)  

Freitag, 19. April 2013

Über das Schmieden von Welten I - Ortsnamen

Was ist der größte Unterschied zwischen Fantasy und anderen Genres? Magie, epische Abenteuer, fantastische Kreaturen? Sicherlich alles Anwärter auf den ersten Platz, aber im Grunde kann es nur eine Antwort geben: Fantasy lebt von den Welten und Orten, an denen die Handlung spielt, von Königreichen und Imperien, über verwunschene Wälder, gigantische Berge und tödliche Sümpfe, hin zu den Ruinen Derer-Die-Vor-Uns-Waren, zu den Küsten wilder Länder in denen Schwert und Zauberei herrschen.
Die Welt ist in der Fantasy oft der heimliche Hauptdarsteller, sie zieht den Leser in ihren Bann und lässt ihn die Wirklichkeit vergessen - wenn der Autor sein Handwerk versteht. Wenn nicht, erinnert sie ihn an die Grenzen der Fiktion und das kleinste Detail reißt uns mit scharfem Ruck aus dem Buch.
Neben Charakteren und Handlung ist deshalb die Schaffung einer in sich stimmigen Welt die Hauptaufgabe von Fantasy-Autorinnen und -Autoren. Dass diese Aufgabe mehr Stolpersteine als alles andere besitzt, ist nicht schwer vorstellbar, wird aber zu oft zugunsten sekundärer Merkmale vergessen: Was macht es schon, dass das kleine Dörfchen Willowvale zwischen den Eisenbergen, südlich von Immerwacht, Garnisonsstadt des Reiches von Drachenstein irgendwie fehl am Platze wirkt? Der Name ist schließlich cool, sollte das nicht Vorrang vor allen anderen Faktoren genießen? Was macht es schon, dass die drei jungen aus Willowvale, die wir auf ihrem Weg zu Heldentum, magischer Macht und Königsthron begleiten, Paul, Peter und Fariendien heißen? Oder, dass die drei ohne Probleme mit den Einwohnern des Reiches von Drachenstein kommunizieren können, obwohl Willovwale vor dreihundert Jahren durch den Fluch eines Erzmagiers vom Rest der Welt abgeschnitten wurde? Wir schreiben schließlich keinen historischen Roman, sondern Fantasy, das Genre, in dem man eh machen kann, was man will!
Es wird niemanden verwundern, der Stigma Fantasy gelesen hat, dass ich mit dieser Denkweise nicht viel anfangen kann. Ja, Fantasy ist - der Name sagt es - bis zu einem gewissen Grad immer fantastisch. Ja, es sind keine realen Orte, von denen der Autor berichtet. sondern Fragmente seiner Fiktion. Aber all das sind keine Gründe, die Welt, die den Leser überzeugen soll, unbedacht zusammen zu stoppeln.
In den nächsten Beiträgen möchte unter Zuhilfenahme von kurzen Beispielen darstellen, was meiner Meinung nach die "Dos and Don'ts" des Weltenschmiedens sind. Hauptaugenmerk liegt dabei auf Namensgebung. Beim ersten Mal geht es um die Namen von Orten, nächstes Mal dann um die Namen von Charakteren. Bevor es losgeht möchte ich hinzufügen, dass keine meiner Beobachtungen gegen diesen oder jenen Autoren als Person gemeint ist und es sich dabei alleine um meine Meinung handelt.

Mittelerde: DIE durchdachte Welt - Quelle: wikipedia.com
Kaum etwas bereitet mir gleichzeitig soviel Spaß und Kopfzerbrechen, wie das Ausdenken von Namen. Die zentralen Fragen sind dabei stets: warum dieser Name? Was sagt der Name über den Charakter/Ort aus? Hat er eine Bedeutung und wenn ja, woher stammt sie? Welche Grenzen erlegt ein Name wie das Tal der Letzten Ernte der Welt auf? Und wenn wir dabei sind: Wohin bewegen sich diese Grenzen, wenn keine fünf Meilen entfernt die Stadt Uiedine liegt?
Ein guter Name ist ein großartiger Ausgangsort für die Erschaffung einer Welt oder Stadt, für mich zumindest meist weitaus ergiebiger als ein Bild, ob es nun physisch in der Welt existiert oder hinter den Schläfen entstanden ist. Ich denke weder, dass ich der einzige bin, der so arbeitet, noch halte ich es für eine schlechte Ausgangsposition - aber wie so viele Kleinigkeiten müssen auch hier beim Weltenschmieden einige Dinge beachtet werden.
Denn egal wie viele Routen für die Erschaffung einer fantastischen Welt ein Name auch bietet, er verschließt womöglich noch mehr. Um bei den eingangs genannten Beispielen zu bleiben: Willowvale sticht deutlich aus den anderen Namen hervor, weil es der einzige englische Name ist. Das ist an sich keine Katastrophe, wirft aber Fragen auf. Warum tragen die anderen Orte deutsche Namen? Natürlich kann es dafür eine Erklärung geben - Willowvale wurde gegründet, bevor der Rest des Landes unter die Herrschaft des Reiches von Drachenstein fiel. Aufgrund seiner Abgeschiedenheit (vielleicht wegen des erwähnten Fluchs) hat sich der Einfluss des Reiches nie auf das kleine Dorf ausgedehnt, das so seine alte Identität behalten konnte, anders als Immerwacht, dessen wahrer Name längst in den Wirbeln der Zeit verloren gegangen ist - meistens scheinen aber nicht so viele Gedanken eingeflossen zu sein. Vielleicht ging dem eigentlichen Schreiben eine Karte voraus oder ein Weltprofil, das - ähnlich wie ein Charakterprofil - all die Dinge enthält, von denen der Autor begeistert war, das aber keine Zusammenhänge vermitteln kann, wie sie der Schreibprozess zum Vorschein bringt. Oder aber der Autor hatte Probleme, sich von all seinen "coolen" Ideen zu trennen. Oder es wird direkt die Rule-of-Cool angeführt. Der Name Willowvale hat dem angehenden Fantasy-Megastar bloß gefallen, aber dann wandte sich seine Aufmerksamkeit dem Süden auf seiner Karte zu und Drachenstein war mit einem Mal einfach da.
Das Problem ist aber, dass eine Fantasy-Welt - gerade weil sie fiktiv ist - sich deutlich mehr anstrengen muss, den Leser gefangen zu nehmen. Während wir akzeptieren können, dass auf einer Karte der echten Welt Orte nebeneinander liegen können, die aus radikal verschiedenen Kulturkreisen stammen - man muss sich nur mal in Südafrika umsehen -, ist Fantasyland darauf angewiesen, ein stimmiges Gesamtbild zu liefern. Sonst wird sich der Leser allzu schnell bewusst, sich bloß im schriftstellerischen Gegenstück von Pappkulisse und Lightshow zu bewegen. Entweder kann dies über gute Erklärungen geschehen oder indem Autoren/innen mehr als nur einen flüchtigen Gedanken darauf verwenden, wie ihre Städte und Länder, Burgen und Schlösser, giftigen Sümpfe und endlosen Wüsten heißen.

Westeros - Das Lied von Eis und Feuer - Quelle: de.gameofthrones.wikia.com
Beim Weltenbauen (oder -schmieden) darf nicht vergessen werden, dass Namen immer Produkte von Kultur sind und sich in der Regel entlang geschichtlicher Ereignisse entwickeln. Sie entstehen nicht im luftleeren Raum. Orte, die dem gleichen Herrschaftsbereich angehören, werden ähnliche Namen tragen, wohingegen eine eroberte Stadt womöglich von den neuen Herrschern einen neuen Namen verpasst bekommt. Ihre Bewohner verwenden vielleicht immer noch den alten und sprechen noch von Uiedine, obwohl die Stadt nach der Schlacht im Tal der Letzten Ernte längst als Königsfall in der ganzen Welt bekannt ist.
Im Idealfall können Namen also im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte schreiben. Sie können die Lücken ausfüllen, die die eigentliche Handlung lässt. Aber wenn man keine Sorgfalt walten lässt, sind sie es mitunter, die die spannendste Handlung in Einzelteile zersägen und Fantasy wieder als das darstehen lassen, was das Genre nicht sein sollte.

Wie man es richtig macht, zeigt Das Lied von Eis und Feuer. Man mag von der aktuellen Übersetzung halten, was man will (ich halte sie für stimmig und notwendig), aber sie macht deutlich, wie wohlüberlegte Namensgebung einer Welt Charakter verleiht. In Westeros, dem Kontinent, auf dem ein Großteil der Handlung stattfindet, gibt es Städte wie Königsmund (so genannt, weil dort einst das Geschlecht der Tagaryen landete, die Westeros lange Zeit beherrschten), Festungen wie Harenhall (benannt nach ihrem Erbauer) und Casterlystein (benannt nach dem Geschlecht, dass die Burg einst errichtete). Die Namen reflektieren zweierlei: zum einen, die geeinte Natur des Landes, die aber unter den großen Häusern zersplittert ist, wenn man näher hinschaut; zum anderen grenzt Martin Westeros so von der, weiter östlich gelegenen Landmasse ab, auf der andere Namen vorherrschen: Astapor, Vaes Dothrak oder Qarth, die wiederum ihrerseits einer internen Logik zu folgen scheinen.
GuyGavriel Kay hat es in seinen Büchern etwas leichter. Da er seine Welten stets auf bestimmten Gegenden unserer Welt basieren lässt, wie etwa Byzanz oder die italienischen Stadtstaaten des Spätmittelalters. Dadurch ergibt sich zwangsläufig eine interne Logik in der Namensgebung. Am deutlichsten ist das in Tigana, Kays Epos über Revolution und die Macht der Erinnerung, zu erkennen: Senzio, Chiara, Corte, Certando – alles Namen, die zueinander passen, aber genug Unterschiede besitzen um die zersplitterte interne Politik der Halbinsel widerzuspiegeln, auf der eine Gruppe Ausgestoßener die Vertreibung der Tyrannen plant, die die Herrschaft an sich gerissen haben.
Tigana und umliegende Provinzen - Quelle: daelstorm.thegraveyard.org
Was passieren kann, wenn man Namen nach dem Was-Gerade-In-Den-Sinn-Kommt-Prinzip auf eine Karte klatscht, illustriert dagegen ein Blick auf die Innenseite von Trudi Canavans Die Gilde der Schwarzen Magier Trilogie: da liegt die Hauptstadt Imardin der Stadt Rastfähre an der Tanjin-See gegenüber, im Osten liegt hingegen die Corres-See. Entlang derselben langen Straße finden sich die Städte Kendil, Calia und Kaltbrücken. Die Grenzen des Landes werden von drei Festungen bewacht: Das Graue Fort, Fort Corres und Das Fort. An der Küste (und ebenfalls an einer Straße) gibt es die Städte Fennin, Agen und Sheel. So etwas wie interne Kohärenz gibt es nicht einmal ansatzweise.

Trudi Canavans Kyralia - Quelle: kyralia.iowoi.org


Donnerstag, 21. März 2013

Stigma Fantasy

Vor kurzem bin ich auf eine Kundenbewertung bei Amazon aufmerksam geworden: ein Kunde beschwerte sich über George R.R. Martins Fantasy-Reihe „Das Lied von Eis und Feuer“, bei der es sich im Kern um eine realistische und kompromisslose Darstellung eines Bürgerkriegs handelt. Große Worte wurden gewählt und schon in der Überschrift betitelte der Kunde das Buch als „jugendgefährdend“, was er als besonders bedenklich empfand, weil „dieses Genre gerade von Jugendlichen gerne gelesen wird“. Abseits der durchaus berechtigten Frage, ob Kinder und Jugendliche ein Buch lesen dürfen sollten, nur weil Fantasy draufsteht, oder was eigentlich damit ausgedrückt werden soll, wenn etwas als „jugendgefährdend“ deklariert wird, wurde für mich damit wieder ein zentrales Stigma des Genres Fantasy deutlich.

Quelle: amazon.de


Fantasy, sagt das kollektive Bewusstsein, ist für Kinder, für Nerds, geschrieben von Nerds, die lange Aneinanderreihungen von archaischer Prosa mit gutem Stil und Pappaufsteller mit ausgefeilten Charakteren verwechseln. Diese Generalisierung untergräbt den ohnehin schweren Stand der Fantasy in der öffentlichen Wahrnehmung, das wahre Potential des Genres und ist in vielerlei Hinsicht dem Umgang der Verlage mit dem Genre geschuldet. Die Idee, dass Fantasy ausschließlich an Kinder gerichtet ist, hat mir nie wirklich eingeleuchtet, besonders, wenn man bedenkt, wo die Wurzeln des Genres liegen. Fantasy ist der Nachfahre der Mythen und Sagen, der Märchen, des Nibelungenliedes und der Edda. 

Quelle: Wikipedia

Es entleiht sich Elemente aus Volkssagen der verschiedensten Länder und Kulturkreise und verwendet oft Strukturen, die denen der Sagen ähneln: der Held, der Prüfungen und Gefahren überwinden muss, bevor er Reife und Macht erlangt, seine (oft übernatürliche) Aufgabe anzugehen, ist ein Topos vieler Sagen und früher Fantasygeschichten. Tolkiens Der Herr der Ringe ist wohl eines der am weitesten bekannten Beispiele und folgt dieser Muster sehr deutlich. Es ist leider auch, woran oft gedacht wird, wenn von Fantasy die Rede ist. Oft wird das gesamte Genre darauf reduziert – das beweisen hunderte oder gar tausende Geschichten von Autoren, die Tolkien zu verbessern versuchen, ihn zu ihrer Hauptinspiration zählen oder ihn schlichtweg kopieren. Gedankenlose Nachahmungen und Geschichten, geboren aus mangelndem Verstehen dessen, was Der Herr der Ringe zu dem großartigen Werk macht, das es ist, haben Fantasy als das Genre vorhersehbarer Plots, vereinfachter Wertevorstellungen und makelloser Helden in das kollektive Bewusstsein eingehen lassen.


Quelle: Wikipedia


Ironischerweise ist gerade dies ein limitierender Faktor für den Erfolg von Autoren, die von diesem Muster abweichen wollen. Wie das Beispiel von „Das Lied von Eis und Feuer“ - trotz seines Erfolges – illustriert, sind es gerade die Versuche, das Genre mit einem gewissen Realitätsbezug oder einer gewissen Bodenständigkeit zu versehen, die auf Ablehnung stoßen. Fantasy-Autoren, hat man das Gefühl, nicht nur, wenn man in den großen Buchhandlungen durch die Regale schaut, sollen gefälligst bei den alten Mustern bleiben, sollen helfen, der Realität zu entfliehen, anstatt wichtige Fragen zu stellen oder große Themen anzugehen. Während andere Genre-Fiction – das Hard-Boiled-Genre im Krimi oder auch Science Fiction – mit dunklen, harten Welten, mit ambivalenten Charakteren durchkommen und sogar dafür gelobt werden, erwartet man vom Fantasy-Protagonisten, dass er der Ritter auf weißem Ross sein soll, eine Figur mit unverrückbarer Moralität. Davon abzuweichen, zieht oft Kritik nach sich: George R.R. Martin ist zu brutal, zu fokussiert auf Politik, Guy Gavriel Kays Crispin, der Mosaikmacher, ist kein echter Held. Oft genug sind es gerade die Bestseller, die auf ausgetretenen Pfaden wandeln – Eragon sei nur ein Beispiel. Guy Gavriel Kay, ein kanadischer Historiker, dessen Welten stets bis ins letzte Detail ausgefeilt sind, dessen Handlungen viel Raum für Interpretationen bieten und dessen Charaktere oft schmerzhaft menschlich sind, ist in Deutschland nahezu unbekannt, in den USA hinkt er etwa Robert Jordan in Sachen Erfolg weit hinterher. Dabei nutzt er in seinen Geschichten Setting und Weltendetails wie kein zweiter um wichtige Fragen in Welten zu transportieren, in denen sein ausgefeilter Mix aus Fiktion und Realität erlaubt, sie in sicherer Umgebung anzugehen. Ist nicht gerade das einer der größten Vorteile der Fantasy? Die Fähigkeit, den Abstand zwischen der dargestellten und unserer Welt zu nutzen um den Leser zu packen und ihn über Probleme und Fragen nachdenken zu lassen, die in realistischeren Settings oder in der echten Welt zu groß oder zu emotional aufgeladen erscheinen.


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Dieser Status Quo des Genres ist ein Produkt vieler Faktoren, nicht zuletzt der Kaufgewohnheiten. Als zentral darf aber auch der Umgang der großen Verlage mit dem Genre angesehen werden. Fantasy ist schließlich eines der Genres, die sich am besten verkaufen. Es erscheint daher oft, als wären die Verlage zufrieden damit, alles mögliche auf den Markt zu werfen, während sie gleichzeitig selten in Autoren oder Serien investieren, die nicht bestimmte Kriterien erfüllen. Die zentrale Frage scheint dabei oft zu sein: „Gibt es bereits erfolgreiche Bücher in dieser Nische des Genres?“ Die Folge dessen sind hunderte Geschichten um übernatürliche Dreiecksbeziehungen, die die Twilight-Reihe imitieren, die wer-weiß-wievielste übergepinselte Version von Der Herr der Ringe und uninspirierte Werke, die erfolgreichen Büchern oft bis auf das Design des Covers gleichen. Vielleicht ist es eine einseitige Attribuierung, aber der Gedanke liegt nahe, dass dies Resultat des Desinteresses oder Unwillens seitens der Verlage ist. So lange wirklich ausgefeilte Werke, wie – und ich komme wieder darauf zurück – Das Lied von Eis und Feuer in der Minderheit sind, ist es leichter Geld zu machen ohne in die Unterstützung von Talenten zu investieren, die die Grenzen des Genres auszuloten versuchen.

All das sind Faktoren, die meiner Meinung nach das Genre Fantasy einschränken. Es kann im Grunde als Teufelskreis betrachtet werden: die Wahrnehmung des Genres kann sich nicht ändern, solange Konsumenten sich nicht auf Versuche einlassen, neue Konzepte zu etablieren, doch das kann nicht passieren, es sei denn, wagemutigere, komplexere Werke werden besser gefördert und beworben. An dieser Stelle müssen die Verlage mitspielen, deren Interesse jedoch hauptsächlich auf dem Erhalt des für sie rentablen Status Quo zu liegen scheint. Allem Anschein nach handelte es sich ja auch bei der Fokussierung der Neuauflage von Das Lied von Eis und Feuer um einen Befreiungsschlag des angeschlagenen Verlages Blanvalet. Dass zeitgleich die HBO-Serie Game of Thrones, basierend auf dem ersten Band der Buchreihe, in den USA produziert wurde, spielt sicherlich auch eine Rolle. Wäre es nicht schön, wenn ausgerechnet George R.R. Martins später, dafür aber umso größerer Erfolg es anderen, unbekannteren Autoren ermöglichte, die Chance zu ergreifen, von ihrem Verlag gefördert, zu einer neuen Wahrnehmung unser aller Lieblingsgenres beizutragen?