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Freitag, 14. Juni 2013

Buchvorstellung II - Joe Abercrombie: Red Country

copyright - Harpercollins
Shy South traut ihren Augen nicht, als sie zu ihrer Farm zurückkehrt: am Baum neben der Scheune baumelt eine Leiche, jemand hat Feuer gelegt und Shys junge Geschwister Pit und Ro sind fort.
Zusammen mit Lamb, dem großen, stillen Feigling aus dem Norden, macht sie sich auf die Suche nach den Entführern um den einzigen Hort von Frieden wieder herzustellen, den sie in ihrem Leben je gekannt hat. Unterwegs schließt sie sich einer Gruppe von Auswanderern an, die in der Far Country unter Goldsuchern ihr Glück suchen. Als schließlich die Ghosts - die Ureinwohner der Far Country - und ein heruntergekommenes Söldnerheer ihren Weg kreuzen, ist nichts mehr wie es schien und die Gefahr, in die Shy sich wissentlich begeben hat, wächst nur noch weiter, während sie und Lamb ein wildes Land durchqueren, in denen nur die Neuankömmlinge aus der Zivilisation wilder sind als die Natur.

Red Country (dt: Blutklingen) ist mittlerweile das sechste Buch des britischen Autoren Joe Abercrombie. Es spielt in der gleichen Welt wie seine Erstlingstrilogie The First Law und versetzt den Leser einmal mehr in eine brutale Welt, die nicht nur voller schlechter Menschen ist, sondern auch die wenigen anständigen Menschen schlechter macht. Damit ist Abercrombie sicherlich keine Feel-Good-Fantasy, auch wenn der Humor nicht zu kurz kommt. Die Charaktere besitzen oft fundamentale Fehler, die Welt wurzelt in Dreck, Elend und schmerzhaftem Realismus und die Gewalt bricht oftmals in erschreckend plötzlichen Schüben über die Handlung herein. In Red Country ist das nicht anders und hier mitunter besonders verstörend, weil sie nicht selten unnötig wäre, wenn die Protagonisten nur ein wenig anders veranlagt wären. Aber viele - und es ist ein wiederkehrendes Thema in Abercrombies Werken - sind so festgefahren in ihren Wegen, dass es ihnen schwer bis unmöglich fällt, anders zu handeln, als in ihren gewohnten Mustern. Das kann von bitterem Humor im Falle des beinahe rückgratlosen Anwalts Temple bis hin zu manchmal schwer zu ertragender Tragik führen, wie etwa in der Person Nicomo Coscas, eines alten bekannten aus Abercrombies erster Trilogie.


Überhaupt ist Nicomo Cosca, seines Zeichens trinkender, lügender Anführer eines skrupellosen Söldnerheers, der sich diesmal in den Dienst der ebenso gewissenlosen Inquisition begeben hat, so etwas wie der heimliche Star von Red Country. Er ist die Personifizierung eines der zentralen Themen des Buchs, nämlich der Frage, ob ein Mann sich ändern kann, wenn er bereits so weit von geistiger Gesundheit entfernt ist und so viele schreckliche Dinge getan hat, dass sie zu dem geworden sind, worüber er sich definiert. Cosca ist sicherlich nicht der sympathischste Charakter des Buches, aber sicherlich der tragischste. Er bildet den starken Kontrast zu Shy, die auf dem besten Weg ist, ähnlich verhängnisvolle Pfade einzuschlagen, wie jene, auf denen Cosca schon seit Jahrzehnten wandelt. Obwohl die beiden Charaktere sich vergleichsweise spät begegnen, ist der Gegensatz zwischen ihnen eine der zentralen Achsen des Buches. Vielleicht, scheint Abercrombie zu sagen, kann ein Mensch sich ändern, aber es ist mit Sicherheit schwerer, als sich einfach treiben zu lassen, wie dunkel und blutrot die Strömung auch ist. Die Helden sind nicht die Soldaten und Krieger, sondern diejenigen, die Gewalt und Macht sehen und sich von ihr abwenden.

The Far Country - copyriight Joe Abercrombie
Interessant ist auch der Goldgräberplot, der geradewegs aus einer Wild-West-Story entliehen ist. Er spielt in das zweite große Thema des Buches, die Frage nach der Rolle und Wirkung von Fortschritt und ob Fortschritt immer positiv zu sehen ist. In Red Country ist der Preis für Fortschritt oft groß, die Zerstörung des Alten mindestens so tragisch wie Coscas Werdegang und die Zivilisation, die in die Far Country gebracht wird, sieht aus der Nähe betrachtet selten nach etwas anderem aus als einer anderen Form von Wildheit. Oder ist das Alte überhaupt gar nicht das Blut und den Schweiß wert, den es kostet, es zu bewahren?

Abercrombie ist nicht ohne Fehler, das zeigt auch Red Country an mehreren Stellen. Seine komplexen Charaktere lassen es nur offensichtlicher Erscheinen, dass seine Welt nicht immer kohärent ist und selten so etwas wie geschichtliche Tiefe besitzt, wie sie etwa George R.R. Martins "Das Lied von Eis und Feuer" auszeichnet. Gerade das ist aber zu verschmerzen, wenn man seine Bücher als eine Form von Satire betrachtet, die - ähnlich wie bei Terry Pratchett - nicht das Fantasysetting an sich zum Ziel hat, sondern es nutzt um sehr menschliche Themen anzugehen. Deshalb ist es wenig verwunderlich, wenn einige Ideen aus The First Law auch in Red Country wieder auftauchen: Macht und Verantwortung, Vergangenheit und Entscheidungen, Gewalt und Feigheit und die Frage, ob Ordnung ohne Gewalt existieren kann, oder Freiheit ohne Chaos.
Problematischer ist da schon, dass Red Country stellenweise weniger fokussiert wirkt. Ein Nebenplot um die Ureinwohner der Far Country verläuft im Sande, ein anderer wird auf den letzten Seiten zwar auf sympathische, aber etwas inkonsequente Weise aufgelöst.
Mich persönlich stört auch Abercrombies Monomythos vom Maker, einer mystischen Gestalt, die vor Jahrtausenden großartige Technologien und Waffen geschaffen hat. Auch in "Red Country" machen seine Anhänger wieder ihre Aufwartung. Das ist zwar mit dem Plot geschickt verknüpft und auch recht zentral, wirkt aber über lange Strecken, als hätte Abercrombie es in erster Linie eingefügt, um einen Verbindung zu seinen früheren Büchern herzustellen.

Alles in Allem ist Red Country aber ein weiteres gutes Buch eines der Ausnahmeautoren der Fantasy. Abercrombie dekonstruiert zwar Genrekonventionen weniger stark als in The First Law, dafür sind seine Moralüberlegungen noch kritischer, seine Charaktere wieder sympathisch und echt, der Stil zwischen Gewalt und Humor immer noch großartig und einzigartig. Zwar werden gerade gegen Ende einige der zentralen Fragen nochmal via Zaunpfahl in Richtung des Lesers geschlagen - Kays Subtilität aus Sailing to Sarantium fehlt - aber das ist zu verzeihen bei einem Buch, dass über seine gesamte Länge fesseln und nicht selten zu überraschen vermag.
Red Country ist ein alleinstehender Band aus der Welt des First Law, wer allerdings frühere Bände kennt, wird sich schneller zurechtfinden können.
Fantasy ohne Dunkle Lords, magische Queste und strahlende Helden - sicherlich überrasche ich niemanden mehr, wenn ich dieses Buch wärmstens empfehle.

Auf deutsch ist seit Oktober 2012 im Original und seit April 2013 in der Übersetzung erhältlich. Im Englischen ist nicht nur der Titel schöner ... 


Titel: Red Country
Autor: Joe Abercrombie
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0575095830
ISBN-13: 978-0575095830

oder

Titel: Blutklingen
Autor: Joe Abercrombie
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453314832
ISBN-13: 978-3453314832




Donnerstag, 4. April 2013

Buchvorstellung I - Guy Gavriel Kay: Sailing to Sarantium

Quelle: www.brightweavings.com

Als der Mosaikmacher Crispin vom Kaiser persönlich nach Sarantium gerufen wird, ist es für ihn eine Chance, seine schmerzliche Vergangenheit hinter sich zu erlassen. Widerwillig begibt er sich auf den Weg in die große Stadt um bei der Fertigstellung des neuen Tempels zu helfen, den der Kaiser als sein Erbe an die Welt erbauen lässt. Doch um nach Sarantium zu gelangen, muss Crispin gefährliche Wildnis durchqueren, in der sich, abseits der Straßen des Kaiserreiches, Glaube und Aberglaube in dunklen Wäldern vermischen und Crispins Leben für immer verändern werden.

Bereits in meinem vergangenen Post habe ich Guy Gavriel Kays zwei Bücher über den Mosaikmacher Crispin erwähnt (vier Bücher in der deutschen Übersetzung). Heute will ich versuchen, einen genaueren Einblick in dieses kleine große Meisterwerk zu bieten, und warum es für mich eines der herausragenden Beispiele für die Vielfältigkeit und Tiefe ist, die Fantasy erreichen kann, wenn der Autor weiß, was er tut.

Guy Gavriel Kay ist Historiker, was man seinen Büchern stets anmerkt. 1974 hat er bei der Editierung der Geschichten für J.R.R. Tolkiens Das Simarilion geholfen, 1984 veröffentlichte er mit seiner dreiteiligen FionovarTapestry (deutscher Titel: Die Herren von Fionovar) sein eigenes High-Fantasy-Werk, das zwar beeindruckend in seiner, von keltischen Sagen inspirierten, magischen Narrative ist, aber in meinen Augen eines seiner schwächsten Werke ist.
Nach Abschluss der Fionovar-Trilogie veröffentlichte er 1990 Tigana, eine Geschichte über Intrigen und Kleinstaaterei in einer fiktiven Version des mittelalterlichen Italiens. Bis heute sind all seine Bücher von diesem Kunstgriff beherrscht: Kays Welten erscheinen stets wie Echos unserer eigenen Welt, wie eine Spiegelung in unruhigem Wasser. Magie steht dabei selten im Vordergrund, ist aber stets ein Teil der Welt oder auch der Handlung. Vor dem Hintergrund von quasi-Italien, quasi-China oder – im Falle von der Geschichte von Crispin, dem Mosaikmacher – quasi-Byzanz, erzählt Kay ergreifende Geschichten über Menschen, die vor große Aufgaben gestellt werden, von Menschlichkeit in Zeiten großen Umschwungs oder von der Kraft epochaler Kräfte wie Glaube, Intellekt und Kunst.

Sailing to Sarantium erschien zuerst 1998 in den USA. In Deutschland ist es seit 2001 in zwei Bänden erhältlich, die die wenig phantasievollen Titel Das Komplott und Das Mosaik tragen. Leider kommt man an beide Bände nur noch über Umwege. Die deutsche Übersetzung ist in Ordnung, wenn auch nicht großartig, wer des Englischen mächtig ist, sollte daher zur Originalausgabe greifen – schon, weil das Cover der 2011er Ausgabe von Harpercollins (s.o.) ein kleines Meisterwerk ist.
Das Buch ist der erste von zwei Teilen, die Fortsetzung Lord of Emperors (dt.: „Der Neunte Wagenlenker“ und „Herr aller Herrscher“, beide 2002) schließt die Geschichte auf grandiose Weise ab.

Über den Inhalt möchte ich an dieser Stelle nicht allzu viel verraten. Gesagt sei nur, dass von Reise durch die Wildnis Sauradias und seine Zusammentreffen mit treuen Gefährten und großen Gefahren geprägt ist und von der überzeugenden Menschlichkeit des Protagonisten. Crispin ist ein Zweifler, ein Mann, der viel verloren hat und vieles erst wieder in sich entdecken muss, aber er ist nie wehleidig, was besonders deutlich wird, wenn es um sein Handwerk geht. Dieser Aspekt des Buches hat mich vermutlich am stärksten beeindruckt, selbst beim erneuten Lesen packt er mich jedes Mal aufs Neue: Crispin sieht die Welt mit den Augen eines Mosaikmachers, ohne dass es jemals aufgesetzt wird. So regt ein Sonnenaufgang über einer taugetränkten Wiese ihn an, sich zu fragen, wie er diesen Effekt mit kleinen Steinen und Glasstücken nachstellen kann. Ermöglicht wird dies durch Kays Fingerspitzengefühl bei Recherche und Einbindung von geschichtlichem und handwerklichen Wissen, das nie in Angeberei ausartet - auch wenn die Wagenrennen im zweiten Band der Originalfassung für manche Leser sicherlich so wirken können.


Quelle: www.brightweavings.com

Die Reise an sich ist zudem mehr als nur ein Mittel zum Zweck um vom A seiner Heimat zum B Sarantiums zu kommen. Hier wird Crispins Innerstes für den Leser offen gelegt, sei es in Interaktionen mit anderen Charakteren oder durch die Erfahrungen, die er durchleidet.
Während Crispin als Charakter für mich der große Star des Buches ist, geht der Preis für den besten Nebendarsteller – neben der Riege großartiger Nebencharaktere – an die Welt, der Kay mit kleinen Details Leben einhaucht, ohne je Beschreibungen zum Selbstzweck verkommen zu lassen. Hier werden Leser und Leserinnen keine ausschweifenden Kamerafahrten über die Straße nach Sarantium erleben, doch wenn die Tore der Stadt schließlich erreicht sind, hat man ein Bild von der wilden Landschaft, den kleinen Dörfern mit ihrer Einfachheit und ihren Schatten und den Urwäldern, in denen alte Macht seit Jahrhunderten residiert, wie sie ein Film nicht besser hätte vermitteln können.
Hinzu kommt der Humor, der mal deutlicher, mal subtiler die Ereignisse der Handlung begleitet. Ohne zu viel zu verraten, seit gesagt, dass ich mich auch beim wiederholten Lesen noch immer köstlich über Crispins ersten Auftritt amüsiere.

Natürlich ist nicht alles perfekt, auch wenn Sailing to Sarantium ziemlich nah dran ist. Kays Erzählstimme wandert gerne mal fort von den Charakteren und gibt Ausblicke auf Ereignisse, die in der Zukunft oder außerhalb der Wahrnehmungsmöglichkeiten Crispins und seiner Begleiter liegen. Wem so etwas missfällt, dem sei aber gesagt, dass ich für gewöhnlich auch nichts damit anfangen kann. Im Falle dieses Buchs fallen diese minimalen Makel jedoch nicht ins Gewicht. Sailing to Sarantium hat trotz - oder vielleicht gerade wegen - dieser kleinen Unreinheiten einen Spitzenplatz in meiner Top Ten der besten Erzählungen und Bücher eingenommen.

Elfen und Orks wird man hier keine finden, die Magie hält sich – wie bereits erwähnt – stets im Hintergrund. Dafür bekommen Leser und Leserinnen die Chance, ein beinahe perfektes Leseerlebnis zu erfahren, mit glaubwürdigen Charakteren und einer stimmigen Welt, die hart, aber nicht ohne Gnade ist und deren Schönheit gerade im Angesicht der düstereren Passagen von bestechender Deutlichkeit ist. Darüber gesprenkelt findet sich ein Zuckerguss aus großartigen Themen, von Religion über Trauer und Macht, bis hin zu Vergebung, die Kay trotz ihrer Tragweite mit begnadeter Leichtigkeit angeht.

Sailing to Sarantium ist definitiv eines meiner absoluten Lieblingsbücher, wenn nicht sogar das Lieblingsbuch und ich kann es nur weiter empfehlen, in der Hoffnung, dass diesem Ausnahmeautor auch in Deutschland mehr Beachtung zuteil wird.

Titel: Sailing to Sarantium
Autor: Guy Gavriel Kay
Sprache: Englisch
ISBN-10: 045146351X
ISBN-13: 978-0451463517


oder:


Titel: Das Komplott
Autor: Guy Gavriel Kay
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3453188063
ISBN-13: 978-3453188068

und:


Titel: Das Mosaik
Autor: Guy Gavriel Kay
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 345318811X
ISBN-13: 978-3453188112